Hanne wurde 1947 vertrieben

Hanne

Hannelore ist 81 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Schlesien. Im Jahr 1945, im Alter von 9 Jahren ist sie zusammen mit ihrer Mutter, ihren Geschwistern und Nachbarn aus Schlesien geflohen. Kurz vor der tschechischen Grenze wurden sie von den Russen angehalten, welche ihnen die Pferde wegnahmen, und mussten zurück in ihr Dorf gehen. Ende 1947 wurden sie von den Polen vertrieben und zunächst mit Wagons in ein russisches Lager gebracht. Dort wurden sie zunächst entlaust und bekamen Spritzen. „Die anderen haben gejammert, aber ich habe es geschafft.“, meint Hanne.
Während der Zeit im Lager habe die Sonne wunderbar geschienen und sie haben immer draußen gesessen und auf dem trockenen Brot, welches ihre Mutter vor der Flucht einpacken konnte, herumgekaut. Später wurden sie in Gaststätten oder bei Bauern in Scheunen untergebracht. Ihr Onkel holte sie auf einen Bauernhof, wo die Erwachsenen arbeiten und die Kinder wieder zur Schule gehen konnten.

Hannes Vater saß in französischer Kriegsgefangenschaft und wurde im Jahr 1948 im Kreis Höxter entlassen. Einen Tag vor seiner Entlassung haben die Russen die Grenze beschlagnahmt. Hanne und ihre Familie mussten deshalb mit dem Zug aus Berlin auf halber Strecke anhalten und im Dunkel die Böschung runter klettern, um heimlich über die Grenze zu kommen. Sie wurden allerdings von einem Deutschen erwischt, der sie zunächst in eine Hütte unterbrachte und sie später für 50 Mark pro Person in Richtung Grenze bringen wollte. Sie sollten sich jedoch nicht von den Amerikanern erwischen lassen, da diese sie zurückschicken würden und sie mussten deshalb noch 20 km in der Nacht laufen. Auf der anderen Seite der Grenze kamen sie dann erneut in ein Lager und als sie gerade anfangen wollten eine Pellkartoffel und einen Hering zu essen, kam ein Mann an der meinte „Wo wollt ihr denn hin?“. Der Mann war Hannes Vater, der sie aus dem Lager abholen wollte. Er hatte Brot und ein Stück Leberwurst mitgebracht, welche sie mit den anderen Leuten teilten, bevor sie am nächsten Morgen mit dem Zug in den Kreis Höxter fuhren.
Im Kreis Höxter haben sie dann zunächst bei einem Bauern in Riesel gewohnt. Hannes Vater hat dort mitgeholfen und die Kinder konnten wieder zur Schule gehen. In der Schule bekamen sie dann auch jeden Tag Essen, von dem sie immer etwas für ihre Mutter mitbrachten. Die Menschen haben sie jedoch trotz gleicher Sprache schlecht behandelt.

Später sind sie aufs Gut Hainhausen gezogen und haben dort auf dem Hof gearbeitet.
Nebenbei ist Hanne in Bökendorf zur Schule gegangen. Die Menschen waren den Flüchtlingen gegenüber auch hier eher negativ eingestellt. In der Schule lernte sie zwei Mädchen kennen, die lieb zu ihr waren und sie nicht für ihre Holzschuhe und das Kleid, welches aus einem Bademantel gemacht war, verurteilten.
Es gab außerdem einen Lehrer, der selber Flüchtling war und die Situation verstehen konnte.

Nachdem die Schule beendet war gab es eine große Feier im Saal und Hanne fing selber an auf Gut Hainhausen zu arbeiten. Sie durfte dann ein Mal pro Woche zur Berufsschule nach Brakel, wo sie in einer reinen Mädchenklasse war. Hanne ist dann für ein Jahr in einen Lehrbetrieb gegangen und hat dort ihre Gesellenprüfung gemacht. Hannes Vater hat 60 Morgen Land bekommen und als erstes 40 Küken gekauft, deren Eier Hanne später jeden Freitag mit dem Fahrrad in Brakel verkaufen durfte. Später haben sie Trecker bekommen. Hanne hat als eine der ersten Frauen einen Führerschein gemacht. Sie war knapp 16 Jahre alt und saß als einziges Mädchen in der Fahrschule zwischen allen Jungs.

Auf ihrem eigenen Hof hat sie dann ihren Mann kennengelernt, der mit einer Drescherei zum Dreschen auf den Hof kam.
Nach der Heirat ist sie später zu ihren Schwiegereltern ins Haus gezogen und bekam insgesamt 5 Kinder. Dort haben sie dann einen Stall gebaut und hatten Vieh.
Hannes Mann hat im Winter als Drescher gearbeitet und ist LKW gefahren. Später war er dann in einer Fabrik in Brakel tätig. Nachdem er jedoch früh krank wurde, mussten Hanne ihr Vieh aufgeben und den Stall verpachten.

Wenn Hanne mal traurige Zeiten hatte, dann hat sie sich Arbeit gesucht, um nicht mehr daran zu denken. Neben ihrer Arbeit auf dem Hof hat sie lange Zeit bei der Caritas gearbeitet. Ihre Schwiegermutter hatte einen guten Rat für sie: “Geh mal ´nen Berg rauf und guck mal runter ins Dorf. Da ist über jedem Häuschen ein Kreuzchen, bei dem einem ist es so groß und beim anderen so groß.“ Hanne meinte, dass man daraufhin von alleine nach Hause kommt und denkt: “Ach, wenn die anderen auch ein Kreuz haben, dann schaffst du das auch!“ Die Zeit war nicht einfach und Hanne wurde selbst sehr krank. Aber sie hat alles geschafft.
Besonders stolz ist Hanne auf ihre Kinder! Ihre Kinder haben alle etwas gelernt und obwohl sie jetzt alleine im Haus ist, sagt sie: „[…] Ich hab das Glück, alle meine Kinder kommen und alle sitzen an einem Tisch. Das ist mein größtes Glück. […] Meine kommen alle.“ Zwar mussten die Kinder immer zuhause mithelfen, aber sie haben alle immer zusammengehalten.

Ihrer Meinung nach braucht man nur Zufriedenheit und nicht allzu große Geldsorgen, um glücklich zu sein. Den jungen Frauen heute könne man kaum etwas mitgeben, sie „gehen ihren Weg und das muss man sie einfach lassen. […] Die werden schon alle was. Ich bin mit dem guten Beispiel vorangegangen und dann wollen wir mal sehen, dass das so weitergeht.“

Ihre Kinder erzählen wahnsinnig schöne Geschichten über sie. Wenn beispielsweise ein Kind Liebeskummer hatte „hat sie uns laut und fröhlich ein Lied vorgesungen: Die Männer sind alle Verbrecher… Dabei hat sie mit einem Besen (als Tanzpartner) getanzt und Handstand in der Küche gemacht. Ihr Motto: Bewegung und Lachen ist die beste Medizin!“ Ihren Kindern hat sie immer gesagt: „Egal, was mit euch ist, was auch passiert, ihr könnt immer zu mir kommen. Gemeinsam schaffen wir alles. Hier ist immer ein Platz für euch.“ „Was kommt wird angebunden (= wenn ihr mal ungewollt schwanger werdet, kein Problem, das Kind ziehen wir groß)“