Starke Frauen

Masoumeh

Masoumeh ist 28 Jahre alt und im Iran geboren. Sie war dort Studentin im Bereich Agrarwissenschaft und ist im Sommer 2015 nach Deutschland gekommen. Da ihre ganze Familie schon über lange Zeit politisch verfolgt und bedroht wird, wusste sie, dass sie eines Tages ihr Land verlassen muss. Sie bereitete sich so gut vor, wie sie konnte und lernte im Iran schon ein bisschen Deutsch und auch Englisch.

In ihrem Land hatte sie keine Zukunft. Als sie 9 Jahre alt war wurde ihr Vater verhaftet und der ganzen Familie die Papiere weggenommen. Ihr Vater wurde 6 Monate von der Familie getrennt. Ab diesem Tag hatte sie keine Rechte mehr in ihrem eigenen Land. „Das bedeutet, es ist egal ob ich lebe oder sterbe. Ich kann keine Anzeige machen, wenn mir Unrecht widerfährt, keine Versicherung bekommen, keine Simkarte kaufen. Ich existiere nicht im Iran.“, erklärt sie mir. Sie war sich nie sicher, ob sie die Schule oder auch ihr Studium beenden durfte. Aber sie hat es geschafft. Diese Abschlüsse sind die einzigen Dokumente, die sie hat. Insgesamt wurde ihr Vater 3 Mal verhaftet, aber er vertritt standhaft seine Meinung gegen das Regime.

Für ihre Flucht konnte sie nur einen Rucksack mit dem Nötigsten mitnehmen. Ihre Reise dauerte 52 Tage. 52 Tage voller Gefahr und Risiko. Als sie in Deutschland ankam war sie sehr erschöpft und konnte sich zum Glück bei ihrem Bruder ausruhen, der 2011 schon nach Deutschland kam. Ihr Bruder studierte erfolgreich an der Uni Aachen im Bereich Elektrotechnik. Ihm konnte Masoumeh zuvor schon ihre einzigen Dokumente zuschicken und er kümmerte sich um einen Studienplatz für sie. Sie studiert jetzt Umweltingenieurwesen. Sie wünscht sich, ihr Studium erfolgreich abzuschließen zu können und vielleicht sogar zu promovieren. An den Tag, an dem sie sich in Bielefeld registrieren ließ, erinnert Masoumeh sich noch ganz genau: „Ich habe mich so gefreut, mich in Deutschland irgendwo anzumelden, denn dann hatte ich endlich Rechte als ein Mensch!“

Ihren Lebensweg erklärt sie mir mit einem ganz tollen Bild. Ich solle mir vorstellen, sie habe eine kleine Lampe. Mit dieser Lampe könne sie genau einen Schritt weit sehen. Wenn sie also wissen möchte, wie Schritt 2 aussieht, muss sie erst einmal den ersten Schritt gehen. Schritt für Schritt kann sie ihren Weg gehen. In ihrem Land wurde ihr diese Lampe gestohlen. Sie wusste nicht mehr wohin sie gehen sollte. Auch könne man nicht kämpfen und stark sein, wenn man nichts sehen kann, sagt sie. Hier in Deutschland hat sie ihre kleine Lampe wiederbekommen. Es ist sehr schwer und die Schritte erscheinen ihr manchmal so klein, aber sie kann vorwärts gehen. Sie sagt, sie habe so viele liebe Menschen kennengelernt und deren Lampen leuchten auch ein bisschen für sie.

„Ihr wisst gar nicht, wie groß eure Lampe ist.“, sagt sie zu mir und lacht. Darüber musste ich erst einmal lange nachdenken. Dieses Bild war für mich so stark, dass es für mich klar war, dass das Symbol für dieses Projekt ein Licht sein muss. Liebe Masoumeh, ich danke dir!


Rabia

Rabia ist 41 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Aufgrund des Krieges und der Unterdrückung durch die Taliban ist sie zusammen mit ihren 4 Kindern und ihrem Mann im November 2015 nach Deutschland geflohen. Ihre Kinder waren damals zwischen 8 und 16 Jahre alt und mittlerweile hat die Familie noch ein fünftes Kind bekommen. Während der Flucht versuchten sie es zunächst über Bulgarien, mussten dann jedoch neu starten und sind nach einem Monat Fußweg und Schifffahrt über Griechenland nach Deutschland gekommen.
In Afghanistan arbeitete sie als Lehrerin für Chemie. Hier in Deutschland gehen ihre Kinder zur Schule oder auf das Berufskolleg.
Zu Beginn konnten sie kein Deutsch und haben nichts verstanden. Mit der Hilfe von VHS-Kursen, dem Fernsehen und Büchern haben sie es jedoch geschafft und lernen immer weiter. Ihr Mann war in Afghanistan als Bauingenieur tätig und hat hier bereits gearbeitet. Er verbessert seine Deutschkenntnisse jeden Tag, um weiter arbeiten zu können.

Ein großer Teil ihrer Familie lebt weiterhin in Afghanistan. Nur ihre Schwester lebt seit 12 Jahren in Deutschland und arbeitet als Krankenschwester in der Nähe von Köln. Kontakt zum Rest der Familie kann sie nur über das Internet halten.
Anderen geflohenen Frauen rät sie: „Man kann alles schaffen, man muss immer stark sein. […] Andere Frauen können das auch.“
Ihr Mut kommt durch ihre Kinder und ihre Familie. Sie sagt, alleine sei sie vielleicht nicht so stark, aber für ihre Kinder könne sie alles schaffen. Vorbilder sind für sie ihre Eltern, die trotz Krieg immer als Arzt und Lehrerin gearbeitet haben.

Manchmal ist sie traurig und vermisst ihre Arbeit, ihre Sprache, ihre Verwandten und ihre Schüler. Aber sie weiß, dass ihre Kinder hier sicher leben und lernen können. Der Gedanke an ihre Kinder lässt sie in Momenten der Traurigkeit wieder stark und mutig sein.
Komisch war für sie am Anfang der Klang der deutschen Sprache, da sie wie „Musicalsprache“ klang. Heute liebt sie es „so eine Musik“ zu sprechen und findet es toll, wie hilfsbereit die Menschen sind und dass ihre Kinder hier zum Unterricht gehen dürfen. Allerdings vermisst sie ihre Familie und ganz besonders ihren Beruf als Lehrerin.
Ihre Wünsche für die Zukunft sind, dass ihre Kinder hier studieren, arbeiten und Geld verdienen können. Sie selbst möchte auch etwas machen, allerdings hat die gesamte Familie keinen Pass. Menschen aus Afghanistan müssen hier lange auf einen Pass warten. Die Kinder dürfen jedoch auch ohne Pass zur Schule gehen.
Ihr Lebensmotto ist: „Man muss immer positiv denken, dann positiv machen und positiv hoffen. […] Man muss immer weitergehen für die Zukunft und immer positiv denken.“


Malalai

Malalai kommt aus Afghanistan. Dort hat sie Mathematik studiert, konnte jedoch nur 15 Tage als Lehrerin arbeiten bevor sie fliehen musste. Sie ist nicht direkt nach Deutschland gekommen, sondern hat einen langen Weg hinter sich gebracht, bevor sie im Jahr 1996 hier ankam.

Sie ist zunächst 1989 zusammen mit ihrer Mutter und ihren vier Schwestern nach Pakistan geflohen als sie gerade 22 Jahre alt war. Ihr Vater ist zuvor im Krieg gestorben. Geflohen sind sie, da der damalige Präsident gestürzt wurde und es zu einem russischen Regime kam. In Pakistan hat Malalai dann ihren Mann kennengelernt und ihre zwei Kinder bekommen.

Der Grund für die erste Flucht war die sehr schlimme Lage in Afghanistan. Zu dieser Zeit konnte man „nicht mal zum Einkaufen“ rausgehen, da es eine Vielzahl von Raketen und Bomben gab. „Die haben keinen Feind, die haben keinen Freund, die haben gar nichts erkannt“, erzählt Malalai. Mitgenommen haben sie damals nur das Geld, während sie alle anderen Sachen auf dem Dachboden zusammengepackt haben.

Nach 7 Jahren, als es in Afghanistan kein russisches Regime mehr gab, ist sie mit ihrem Mann und den, damals erst 3 & 4 Jahre alten, Kindern zusammen zurückgekehrt. Allerdings war die Situation im Land nun noch schlimmer als zuvor. Aus diesem Grund sind sie dann, unter anderem über Russland, mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen. Ausgesucht haben sie sich das Land jedoch nicht. „In diesem Moment sagt man sich Sicherheit und das egal wo“, beschreibt sie den Beweggrund.

„Man stellt sich die Frage, ob das Leben wichtig ist oder was man in diesem Land hat. […] Man setzt alles auf eine Karte und dann flieht man“, berichtet Malalai über den Grund für die zweite Flucht. Das Leben ihrer Familie, ihrer Kinder, war wichtiger als alle Besitztümer. Am Flughafen in Frankfurt haben sie zunächst alle notwendigen Schritte eingeleitet und angegeben, dass sie Flüchtlinge sind. „Und dann gingen wir in einen Raum, da waren Brot und Wasser. […] Das fand ich sehr, sehr menschlich, weil man hat das nicht erwartet“, erinnert sie sich. Für Malalai war das eine unbeschreibliche Situation, die ihr noch heute in Erinnerung ist, da es eine unerwartete Geste war, die ihr so unglaublich viel bedeutet hat.

Oft hatte sie das Gefühl „man fällt von Wolken einfach auf den Boden“ und hat plötzlich alles verloren. Aber dann muss man wieder positiv denken: „Ja, Mensch, man muss jetzt aufstehen und nach vorne gehen lernen. […] Man wird auch oft sehr, sehr schlecht behandelt, aber ich hab immer gesagt, ich bin so stark, dass ich von allem Negativen auch was Positives rausziehen kann.“ Die Menschen hier haben einen oft „in eine Schublade gesteckt“, aber Malalai hat sich davon nicht unterkriegen lassen.

Vor ihrer Ankunft in Deutschland konnte sie zwar Englisch, da sie in Pakistan in einer internationalen Firma gearbeitet hat, aber Deutsch konnte sie nicht. Damals hat zuerst ihr Mann einen Sprachkurs gemacht, da es nur zweimal pro Woche einen Kurs gab. Malalai hat sich dann zuhause selbst Deutsch beigebracht, indem sie die Hausaufgaben ihres Mannes noch einmal für sich selbst machte. Außerdem hat sie später eine deutsche Frau kennengelernt, die jede Woche zu ihr nach Hause kam, um Deutsch mit ihr zu lernen. Nachdem die Kinder im Bett waren hat sie jeden Abend 10 neue Wörter gelernt.

Die Arbeitssuche war für sie und ihren Mann nicht einfach. Sie hatten hier keinen Anspruch auf Arbeit, da sie hier keine Ausbildung absolviert hatten. Ihr Mann war in Pakistan Architekt und hat hier zunächst eine Stelle bei einer örtlichen Bäckerei bekommen, konnte später jedoch eine Ausbildung bei einem lokalen Unternehmen absolvieren. Malalai selbst hatte sich zunächst vor allem auf kleinere Stellen beworben, jedoch immer ihr Diplom aus Afghanistan mitgeschickt und wurde aufgrund ihrer Überqualifikation häufig abgelehnt. Letztendlich bekam sie eine Stelle als Büroassistenz in einer Baufirma.

Ihr Wunsch war es damals hier noch einmal etwas zu lernen. Am liebsten wollte sie Ingenieurin werden. Sie war dann auf einer Messe, auf der sich eine FH vorgestellt hat und ist später zu einer Schnuppervorlesung gegangen. Als Nächstes hat sie Kontakt zu einem Dekan aufgenommen, um sich sicher zu sein, dass sie hier studieren kann. Ihr Diplom wurde als Abiturersatz anerkannt und sie begann ein Studium im Baumanagement. Zunächst erzählte sie niemandem von ihren Plänen, erzählte nur ihrem Chef davon und wurde von ihm in ihrem Vorhaben unterstützt. Malalai konnte so neben ihrem Stundenplan mit flexiblen Arbeitszeiten zur Fachhochschule gehen und ihr Studium abschließen. Mittlerweile haben ihre Kinder selbst ein Studium aufgenommen. Ihr Herzenswunsch für die Zukunft ist es ein langersehntes Projekt umzusetzen. Jedoch fehlt ihr dafür das nötige Geld und die Investoren. Was das genau für ein Projekt ist, wollte sie mir nicht verraten. Ich bin gespannt und drücke ihr ganz doll die Daumen und hoffe, dass sie ihren Traum verwirklichen kann.

Vorbilder waren für Malalai immer ihre Eltern. Ihr Vater wollte bis zuletzt in seinem Land bleiben und dafür kämpfen, obwohl er, durch Freundschaft mit dem damaligen Präsidenten, noch kurz vor dessen Sturz das Land hätte verlassen können. Ihre Mutter hat immer die Einstellung vertreten, dass Frauen „stark und unabhängig“ sein sollen und ihren Kindern immer Mut vorgelebt.

In Afghanistan hat sie heute keine enge Verwandtschaft mehr. Ihre Mutter und Schwestern leben in der USA und in Norwegen. Malalai sagt: „Deutschland ist jetzt mittlerweile wie eine zweite Heimat für mich geworden.“ Sie und ihr Mann haben hier zusammen ein Haus gebaut und sie ist jeden Tag dankbar dafür, dass sie es geschafft haben.

Vermissen tut sie an ihrer Heimat trotzdem nicht nur das bessere Wetter. Vor allem sind es die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die man so nicht wiederbekommt. Malalai vermisst außerdem die Einstellung der Menschen gegenüber einem anderen: „Jeder kannte jeden. Dieser Respekt und dass man sagte, ich bin hier wichtig.“

Verrückt an Deutschland findet sie heute nichts mehr. Damals wunderte sie allerdings das Wetter, denn sie hatte im Mai ihre Wintersachen weggepackt und nach zwei Tagen änderte sich das deutsche Wetter wieder und es wurde erneut kalt. „Wenn es bei uns Sommer wird, dann bleibt es Sommer“, lacht sie. Außerdem war es komisch für sie, dass man damals am Sonntag keine Wäsche auf die Wäscheleine hängen durfte.

Malalai ist im Welcome e.V. als ehrenamtliche Helferin tätig. Wenn sie dort ist sieht sie sich jedoch nicht als Helferin, sondern schlüpft wieder in die Rolle des Geflüchteten hinein. Sie sagt dann „wir machen“ und begibt sich mit ihnen wieder auf eine Stufe. Ihre Arbeit im Welcome Café kann sie nicht genau definieren: „Ich mache was ich machen kann […] ich mache meine Augen nicht zu.“ Ihre Aufgaben reichen dann schnell über übersetzen und Ratschläge geben bis hin zu Geburtshilfe im Kreissaal.

Für sie selbst ist vor allem die Gesundheit wichtig, denn „das ist eine Sache, die nicht selbstverständlich ist“. Geflüchteten Menschen rät sie zuerst zu versuchen die Sprache zu lernen, nicht den Mut zu verlieren und Ziele zu haben, um hier glücklich zu werden.


Hilde

Hilde ist 86 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Trienke, Ostseebad Kolberg in Pommern. Dort hat sie auf dem Rittergut des Barons von Gerlach gewohnt. Ihr Vater hat dort als Vorarbeiter in der Landwirtschaft gearbeitet. Es gab nur geringen Lohn, aber dafür standen ihm eine freie Wohnung, sowie Gartenland zur Kleinviehhaltung zur Verfügung.

Im Spätherbst 1944 wurde er zum Volkssturm eingesetzt. Dabei wurde er durch einen Granatsplitter am Hinterkopf verletzt und in ein Lazarettschiff nach Saßnitz (Rügen) gebracht. Von dort kam er in englische Gefangenschaft und im Sommer 1945 dann als Leiharbeiter nach Ovenhausen. Die Hilde und der Rest der Familie wussten zunächst nichts von seinem Schicksal. Ein Vorbild für sie war während der gesamten Zeit ihre Mutter, die trotz eines Herzleidens mit ihren damals 39 Jahren alleine für die Kinder sorgte.

Im Jahr 1945, als Hilde noch keine 14 Jahre alt war, kamen die russischen Armeen nach Berlin und durchstreiften Pommern, wobei sie Häuser plünderten. Im März wurde Kolberg angegriffen und die Dorfbewohner mussten ihre Häuser für die russischen Soldaten verlassen und zusammen in 2 Häuser ziehen. Während dieser Zeit mussten die Frauen die gesamte Arbeit im Dorf erledigen, da die Männer entweder als Soldaten im Krieg oder im Volkssturm eingezogen worden waren oder für Zwangsarbeit verschleppt wurden. Hilde konnte aufgrund der Situation ihre Schule nicht beenden und keine Lehre abschließen. Erst nach der Einnahme Berlins und dem Abzug der russischen Armee konnten die Bewohner zurückkehren.

Nachdem Russland später Ostpolen annektierte, kamen die Polen in den Kreis Kolberg und die Bewohner bekamen die Anweisung, Wohnungen für sie zu schaffen. Wenig später mussten sie jedoch das Land verlassen, sie wurden dann mit einem Flüchtlingstransport nach Kolberg gebracht und sollten jenseits der Oder weitergeleitet werden. Nur die Fachkräfte durften zunächst auf dem Gut zurückbleiben, um sich um die Landwirtschaft zu kümmern.

Erst im Jahr 1946 bekam Hildes Mutter die Nachricht, dass ihr Vater noch am Leben ist und alle „[warteten] mit einem weinenden und einem lachenden Auge […] auf die Ausreise.“ Am 11. August 1947 war es dann soweit. Hilde beschreibt den Transport folgendermaßen: „Dann mussten wir zum Sammeltransport nach Kolberg hin […] und dann wurden wir in Viehwagen verladen. […]“ Sie wurden zunächst für 14 Tage in ein Lager gebracht, wo es nur 2 Baracken für Kleinkinder gab. Alle anderen schliefen dann im Freien auf ihrem Gepäck, damit nichts gestohlen wurde. Danach wurden sie mit einem Güterzug, der 2km entfernt stand, nach Berlin gebracht. Der Zug war schwer zu erklimmen, da es noch keinen fertigen Bahnhof und keine Leitern gab. Pausen wurden während der Fahrt nur kurz gemacht und manche schafften es nicht rechtzeitig zurück auf den Zug. Hilde meint, sie sieht „heute noch den winkenden älteren Mann, der es nicht mehr geschafft hat, den anfahrenden Zug zu erreichen.“

In Berlin wurden sie dann sortiert und geordnet und Hilde kam mit ihrer Familie nach Teltow, wo sie in leerstehenden Zimmern untergebracht wurden. Erst nach einigen Tagen wurden die Familie registriert und kamen mit einem Einweisungsbeschluss zu einer Familie in Blankenfelde. Sie lebten dort in zwei Zimmern mit einer Küche und Hildes Mutter “hatte von den Federbetten […] Rucksäcke genäht“. Nun konnten sie erst einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen und bekamen im Oktober 1947 mit Bemühungen des Vaters eine Zuzugsgenehmigung.

Auf dem Weg zu Hildes Vater kamen sie in ein Lager in Friedland, wo sie zunächst entlaust und untersucht wurden. Am 14. Oktober 1947 kamen sie dann am Fürstenberger Bahnhof an und Hildes Bruder Otto machte sich auf den Weg nach Ovenhausen, um sich mit dem Vater zu treffen.

In Ovenhausen kamen sie dann zunächst bei dem Bauern unter, bei dem ihr Vater tätig war. Sie hatten dort nur ein Zimmer mit zwei Betten für 4 Personen. Hilde begann bei dem Bauern im Dorf zu arbeiten, auf dessen Hof sie wohnte. Ihr Bruder Otto beendete unterdessen seine Lehre bei einer Tischlerei in Brenkhausen und bekam dort seinen Gesellenbrief, da er diesen in der Heimat wegen des Krieges nicht mehr bekommen hatte.
Bis 1950 zog Hildes Familie drei Mal um und bekam schließlich eine Bleibe mit Küche, Schlafzimmer und Abstellraum. Durch den Willen und die harte Arbeit von ihrem Vater und Bruder konnten sie im Jahr 1955 ein Eigenheim beziehen.

Die Einheimischen waren damals nicht gut auf Flüchtlinge zu sprechen.
„Flüchtlinge waren nicht willkommen. […] Flüchtlinge und Kartoffelkäfer, die werden wir nicht mehr los. Sowas wurde gesagt.“, erinnert sich Hilde. Trotz der gleichen Sprache hatten sie einen anderen Dialekt. Hildes Mutter sprach zum Beispiel mit ihrer Tante nur Plattdeutsch. Und Hilde sagt dazu: „Ich mache heute noch Fehler, dass ich das noch nicht mal richtig alles gelernt hab […] Aber trotzdem, man ist ganz gut durchgekommen.“

Während der folgenden Jahre war Hilde zunächst bei dem Bauern tätig, wechselte dann jedoch zu einer Bäckerei nach Höxter, wo sie 35 anstatt 25 Mark verdiente. Auf den Rat einer Bekannten hin zog sie später für 2,5 Jahre nach Solingen im Rheinland und arbeitete dort in einem Arzthaushalt als Kindermädchen. Sie lebte in dem Haus wie bei einer richtigen Familie und meint, dass es die beste Arbeit in ihrem Leben war. Ihr Wunsch war es immer noch einmal zurück zu fahren und diesen Wunsch erfüllten ihr ihre Kinder und Enkel bereits zwei Mal. Der Sohn der Familie, der damals erst fünf Jahre alt war, wohnt nun in dem Haus und hat Hilde bei ihrem Besuch herzlich begrüßt und sie noch einmal herumgeführt.

Ihren Mann lernte Hilde kurz vor ihrer Zeit in Solingen kennen. Wegen ihm kam sie damals zurück, denn als sie in Ovenhausen Urlaub machte kam er zu ihr nach Hause. „Abends war er dann unterm Fenster und hat geflötet. […] Und naja, das war immer mein Wunsch, dass ich den gerne leiden mochte und so weiter. Dann habe ich da oben gekündigt. […] Und dann hat sich das so entwickelt, dass wir dann auch später geheiratet haben.“, sagt Hilde über ihren späteren Mann und die Rückkehr nach Ovenhausen. Nach ihrer Hochzeit hat sie sich auch zum ersten Mal richtig Zuhause gefühlt, denn „vorher fühlte man sich immer so, dass man ausgenutzt wurde.“

Hildes Wunsch war es eigentlich Friseurin oder Schneiderin zu werden. Da sie aber keinen Schulabschluss hatte, konnte sie auch keine Lehre beginnen. Sie konnte nach der Flucht mit 16 Jahren hier nicht wieder zur Schule gehen, da ihr einerseits die Jahre an Stoff gefehlt haben und sie andererseits nirgends bleiben konnte. Ihre Eltern hatten selbst keinen Platz und nur wenig Geld, weshalb sie immer arbeiten musste.

Ihre Zukunft hätte sie sich niemals so vorgestellt. Heute lebt sie in einem eigenen Haus, hat einen Hund, Kinder und sogar 3 Enkelkinder. Nach ihrer Hochzeit wollte ihr Schwager das Elternhaus ihres Mannes übernehmen und meinte dafür baut er ihnen ein neues Haus auf dem 7 Morgen großen angrenzenden Land. Hilde begann nach ihrer Zeit in Solingen und nach einigen Aushilfstätigkeiten in einer Gummifädenfabrik zu arbeiten. Ihr Mann arbeitete zunächst als Bäcker und später als Straßenwärter und verdiente dort nur wenig. Er gab ihr die Aufgabe sich um die Finanzen zu kümmern und meinte damals zu ihr: „Hier haste das Portemonnaie. Seh zu, dass du klarkommst und mach keine Schulden.“ Auf dieses Vertrauen und diese wichtige Aufgabe war sie sehr stolz und fühlte sich von ihrem Mann respektiert und ernstgenommen. Trotz der geringen Einkünfte haben Hilde und ihr Mann Geld für ihre Kinder angespart, damit diese später eine Rücklage hatten.

Für Hilde war es wichtig, dass die Leute sie als gescheit angesehen haben obwohl sie als Flüchtling in den Kreis Höxter gekommen ist. Sie findet, dass man glücklich ist, wenn man alles geschafft hat, was man erreichen wollte und wenn man genug Geld hat, um sich keine Sorgen zu machen.

Als Weisheit würde sie ihren Enkeln mitgeben, dass man „immer ehrlich ist“. Und anderen jungen Frauen rät sie zum stark sein immer daran zu denken, dass es nun mal weitergehen muss.


Basmineh

Basmineh ist 25 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Fliehen musste sie wegen des Krieges und der Unterdrückung. Sie kommt ursprünglich aus dem Iran und hat dort geheiratet. Ihr Vater ist gebürtiger Afghane und musste aufgrund der Situation in Afghanistan in den Iran fliehen. Damals heiratete er dort aber war, trotz gleicher Religion, als Afghane nicht willkommen. Ihm wurde sogar mit Gefängnis gedroht. Basmineh floh zusammen mit ihrer Familie und der Familie ihres Mannes zunächst zurück nach Afghanistan.

Im Jahr 2016 floh sie dann, zusammen mit der Familie ihres Mannes, nach Deutschland. Die Flucht dauerte etwa einen Monat. Basmineh war zu dieser Zeit gerade schwanger mit ihrem ersten Kind. Ihr kleiner Sohn kam in Deutschland zur Welt und ist mittlerweile zwei Jahre alt. Ihre eigene Familie lebt heute in der Türkei, da der Weg nach Deutschland zu viel Geld kostet und ihre Eltern sehr krank sind. Kontakt zu ihnen hält sie über Telefon.

Mit 11 Jahren musste sie aufhören zu lernen und war später Hausfrau. Eins der Dinge, die sie aus Afghanistan vermisst, ist die Haltung von Kühen und Hühnern. In Afghanistan war es normal, dass die Frauen einer jeden Familie ihre eigene Milch und ihren eigenen Joghurt produziert, so auch Basmineh.

Ihr Leben vor dem Krieg beschreibt sie als „genau wie in Deutschland“. Die Frauen mussten kein Kopftuch tragen und durften mit Röcken auf die Straße gehen. „Wir hatten auch Fenster oder Staubsauger […] Wir verstehen alles. Wir haben auch Englisch, Arabisch, Persisch gelernt. Und meine Sprache ist Paschtu. […]“ Aber im Fernsehen werde nur der Krieg gezeigt und viele Deutsche gehen deshalb davon aus, dass sie das alles nicht kennen und keine anderen Sprachen sprechen.

An Deutschland versteht sie nicht, warum viele Deutsche solche Angst gegenüber Ausländern haben. „Wir kommen hier nach Deutschland und lernen Deutsch und arbeiten. […]“, meint Basmineh. Sie findet die Deutschen sehr nett und hilfsbereit.

Ihren Mut schöpft sie aus dem Gedanken eines besseren Lebens: „Ich brauche ein schönes Leben. […] Ich muss und ich kann alles lernen.“ Sie erinnert sich zum Beispiel daran, dass man in Afghanistan und im Iran als Frau kein Fahrrad oder Auto fahren kann. „Ich kann jetzt Fahrrad fahren. In Afghanistan und im Iran war das verboten. […] Ich bin jetzt glücklich. […] Ich habe ein Fahrrad.“, erzählt sie mit strahlenden Augen. Sie möchte in Deutschland auch gerne ihren Füherschein machen.Ihr Wunsch für die Zukunft ist es, dass hier alle zusammen glücklich leben und sie sich Arbeit suchen kann. Am liebsten würde sie in einem Kindergarten arbeiten.

Wenn Basmineh einen Moment der Verzweiflung hat denkt sie einfach daran, wie glücklich sie jetzt ist. Sie bekommt bald einen Pass und hat eine Wohnung und schaut mit Spannung und nicht mit Angst in die Zukunft.


Anisa

Text folgt

Fana

Fana ist 25 Jahre alt und kommt aus Eritrea. Geflohen ist sie aufgrund der politischen Situation und des Krieges, ansonsten wäre sie getötet oder gefangen genommen worden. Sie hat das Land ganz alleine und ohne ihre Familie verlassen. Auf die Frage hin, woher sie den Mut hatte alleine das Land zu verlassen, meinte sie: „Muss machen, muss raus. […] Ich mache das, ich kann das. Bisschen schwer, aber muss machen.“

Ihr Wunsch hier in Deutschland ist die Schule zu beenden, eine Ausbildung als Altenpflegerin zu machen und dann zu arbeiten. In Eritrea ist Fana ebenfalls noch zur Schule gegangen und wollte Krankenschwester werden.
Vorbilder sind für sie vor allem ihre Eltern, da ihre Mutter als Verkäuferin arbeitet und sich alleine um ihre 5 jüngeren Geschwister kümmert, während ihr Vater als Soldat dient. Von ihren 5 Geschwistern ist sie die Älteste, alle anderen sind zwischen 6 und 15 Jahre alt. Kontakt zu ihnen hält sie nur über Telefon, wobei teilweise bis zu 2 Monaten keine Verbindung möglich ist.

Fana wohnt hier in Deutschland alleine und findet, auch wenn es schwer ist, müsse man etwas machen, die Hoffnung nie aufgeben und sie könne alles schaffen.
Ihr größter Wunsch ist, ihre Familie eines Tages wiederzusehen und sie hofft, dass auch sie irgendwann einmal nach Deutschland kommen können. Momentan sei es zu teuer und die Reise zu weit für ihre Familie, um mit den Kindern Eritrea zu verlassen.


Hanne

Hannelore ist 81 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Schlesien. Im Jahr 1945, im Alter von 9 Jahren ist sie zusammen mit ihrer Mutter, ihren Geschwistern und Nachbarn aus Schlesien geflohen. Kurz vor der tschechischen Grenze wurden sie von den Russen angehalten, welche ihnen die Pferde wegnahmen, und mussten zurück in ihr Dorf gehen. Ende 1947 wurden sie von den Polen vertrieben und zunächst mit Wagons in ein russisches Lager gebracht. Dort wurden sie zunächst entlaust und bekamen Spritzen. „Die anderen haben gejammert, aber ich habe es geschafft.“, meint Hanne.
Während der Zeit im Lager habe die Sonne wunderbar geschienen und sie haben immer draußen gesessen und auf dem trockenen Brot, welches ihre Mutter vor der Flucht einpacken konnte, herumgekaut. Später wurden sie in Gaststätten oder bei Bauern in Scheunen untergebracht. Ihr Onkel holte sie auf einen Bauernhof, wo die Erwachsenen arbeiten und die Kinder wieder zur Schule gehen konnten.

Hannes Vater saß in französischer Kriegsgefangenschaft und wurde im Jahr 1948 im Kreis Höxter entlassen. Einen Tag vor seiner Entlassung haben die Russen die Grenze beschlagnahmt. Hanne und ihre Familie mussten deshalb mit dem Zug aus Berlin auf halber Strecke anhalten und im Dunkel die Böschung runter klettern, um heimlich über die Grenze zu kommen. Sie wurden allerdings von einem Deutschen erwischt, der sie zunächst in eine Hütte unterbrachte und sie später für 50 Mark pro Person in Richtung Grenze bringen wollte. Sie sollten sich jedoch nicht von den Amerikanern erwischen lassen, da diese sie zurückschicken würden und sie mussten deshalb noch 20 km in der Nacht laufen. Auf der anderen Seite der Grenze kamen sie dann erneut in ein Lager und als sie gerade anfangen wollten eine Pellkartoffel und einen Hering zu essen, kam ein Mann an der meinte „Wo wollt ihr denn hin?“. Der Mann war Hannes Vater, der sie aus dem Lager abholen wollte. Er hatte Brot und ein Stück Leberwurst mitgebracht, welche sie mit den anderen Leuten teilten, bevor sie am nächsten Morgen mit dem Zug in den Kreis Höxter fuhren.
Im Kreis Höxter haben sie dann zunächst bei einem Bauern in Riesel gewohnt. Hannes Vater hat dort mitgeholfen und die Kinder konnten wieder zur Schule gehen. In der Schule bekamen sie dann auch jeden Tag Essen, von dem sie immer etwas für ihre Mutter mitbrachten. Die Menschen haben sie jedoch trotz gleicher Sprache schlecht behandelt.

Später sind sie aufs Gut Hainhausen gezogen und haben dort auf dem Hof gearbeitet.
Nebenbei ist Hanne in Bökendorf zur Schule gegangen. Die Menschen waren den Flüchtlingen gegenüber auch hier eher negativ eingestellt. In der Schule lernte sie zwei Mädchen kennen, die lieb zu ihr waren und sie nicht für ihre Holzschuhe und das Kleid, welches aus einem Bademantel gemacht war, verurteilten.
Es gab außerdem einen Lehrer, der selber Flüchtling war und die Situation verstehen konnte.

Nachdem die Schule beendet war gab es eine große Feier im Saal und Hanne fing selber an auf Gut Hainhausen zu arbeiten. Sie durfte dann ein Mal pro Woche zur Berufsschule nach Brakel, wo sie in einer reinen Mädchenklasse war. Hanne ist dann für ein Jahr in einen Lehrbetrieb gegangen und hat dort ihre Gesellenprüfung gemacht. Hannes Vater hat 60 Morgen Land bekommen und als erstes 40 Küken gekauft, deren Eier Hanne später jeden Freitag mit dem Fahrrad in Brakel verkaufen durfte. Später haben sie Trecker bekommen. Hanne hat als eine der ersten Frauen einen Führerschein gemacht. Sie war knapp 16 Jahre alt und saß als einziges Mädchen in der Fahrschule zwischen allen Jungs.

Auf ihrem eigenen Hof hat sie dann ihren Mann kennengelernt, der mit einer Drescherei zum Dreschen auf den Hof kam.
Nach der Heirat ist sie später zu ihren Schwiegereltern ins Haus gezogen und bekam insgesamt 5 Kinder. Dort haben sie dann einen Stall gebaut und hatten Vieh.
Hannes Mann hat im Winter als Drescher gearbeitet und ist LKW gefahren. Später war er dann in einer Fabrik in Brakel tätig. Nachdem er jedoch früh krank wurde, mussten Hanne ihr Vieh aufgeben und den Stall verpachten.

Wenn Hanne mal traurige Zeiten hatte, dann hat sie sich Arbeit gesucht, um nicht mehr daran zu denken. Neben ihrer Arbeit auf dem Hof hat sie lange Zeit bei der Caritas gearbeitet. Ihre Schwiegermutter hatte einen guten Rat für sie: “Geh mal ´nen Berg rauf und guck mal runter ins Dorf. Da ist über jedem Häuschen ein Kreuzchen, bei dem einem ist es so groß und beim anderen so groß.“ Hanne meinte, dass man daraufhin von alleine nach Hause kommt und denkt: “Ach, wenn die anderen auch ein Kreuz haben, dann schaffst du das auch!“ Die Zeit war nicht einfach und Hanne wurde selbst sehr krank. Aber sie hat alles geschafft.
Besonders stolz ist Hanne auf ihre Kinder! Ihre Kinder haben alle etwas gelernt und obwohl sie jetzt alleine im Haus ist, sagt sie: „[…] Ich hab das Glück, alle meine Kinder kommen und alle sitzen an einem Tisch. Das ist mein größtes Glück. […] Meine kommen alle.“ Zwar mussten die Kinder immer zuhause mithelfen, aber sie haben alle immer zusammengehalten.

Ihrer Meinung nach braucht man nur Zufriedenheit und nicht allzu große Geldsorgen, um glücklich zu sein. Den jungen Frauen heute könne man kaum etwas mitgeben, sie „gehen ihren Weg und das muss man sie einfach lassen. […] Die werden schon alle was. Ich bin mit dem guten Beispiel vorangegangen und dann wollen wir mal sehen, dass das so weitergeht.“

Ihre Kinder erzählen wahnsinnig schöne Geschichten über sie. Wenn beispielsweise ein Kind Liebeskummer hatte „hat sie uns laut und fröhlich ein Lied vorgesungen: Die Männer sind alle Verbrecher… Dabei hat sie mit einem Besen (als Tanzpartner) getanzt und Handstand in der Küche gemacht. Ihr Motto: Bewegung und Lachen ist die beste Medizin!“ Ihren Kindern hat sie immer gesagt: „Egal, was mit euch ist, was auch passiert, ihr könnt immer zu mir kommen. Gemeinsam schaffen wir alles. Hier ist immer ein Platz für euch.“ „Was kommt wird angebunden (= wenn ihr mal ungewollt schwanger werdet, kein Problem, das Kind ziehen wir groß)“

Farsaneh

Farsaneh ist 39 Jahre alt und musste ihr Heimatland Afghanistan mit ihrem Mann und ihren Kindern verlassen. In ihrem Land musste sie jeden Tag um das Leben ihres Mannes und ihrer Kinder fürchten. Der Krieg machte der ganzen Familie ein sicheres und glückliches Leben unmöglich. Sie beschlossen, das Land und somit auch ihre ganzen Verwandten zu verlassen und kamen 2016 nach einem Monat in Deutschland an.

Farsaneh denkt viel an ihre 6 Geschwister in Afghanistan und vermisst sie sehr. Machmal können sie telefonieren aber die Verbindung ist sehr schlecht und wegen des Krieges kommt es oft zu Unterbrechungen. Besonders traurig wird sie, wenn sie an ihren kleinen Bruder denkt, der erst vor Kurzem ein Baby bekommen hat. Sie wünscht sich so sehr noch einmal nach Hause gehen zu können, um dieses Kind zu sehen und weiß, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird. Sie haben nicht das Geld, um auch nach Deutschland kommen zu können.

Trotz all der traurigen Momente sagt sie sich immer: “ Ich bin stark, ich bin stark, ich schaffe das. Für meine Familie und für meine Kinder kann ich das.“ Ein großes Vorbild war ihre Mutter, die sie und ihre Geschwister alleine großgezogen hat. Jeden Tag läuft sie von der Jugendherrberge in Höxter herunter zur VHS zum Deutschkurs. Jeder, der schon einmal von der Jugendherrberge zu Fuß in die Stadt wollte, wird sich an diesen Weg erinnern. Das sind 2 Kilometer steil bergauf oder herunter. Ihre Knie machen Farsaneh schwer zu schaffen aber sie muss lernen, sagt sie.

In Deutschland findet sie so schön, dass sie keine Angst mehr um das Leben ihre Kinder haben muss und sicher sein kann, dass alle gesund nach Hause kommen. Alle ihre Kinder gehen hier zur Schule. Allerdings haben ihre ältesten Söhne keinen Pass bekommen und ihre größte Angst ist, dass sie zurückgeschickt werden könnten. Ihr größter Wunsch wäre es, mit ihrer ganzen Familie zusammen zu sein ohne Angst und ohne Krieg. Einfach nur ein glückliches und sicheres Leben.


Hoda

Hoda ist 31 Jahre alt und kommt aus dem Iran. Dort hat Hoda in einer Bank als Buchhalterin gearbeitet. Geflohen ist sie im Jahr 2016 zusammen mit ihrem Mann, der politische Probleme hatte, und ihren zwei Kindern. Ihre Flucht führte sie 28 Tage lang über die Türkei, Griechenland, Serbien, Kroatien und Österreich. Zur Vorbereitung blieben Hoda und ihrer Familie nur 10 Tage Zeit, da sie das Land heimlich verlassen mussten. Hätten sie das Risiko der Flucht nicht auf sich genommen, wären ihre Kinder ins Heim gekommen. Sie und ihr Mann hätten jeden Tag um ihr Leben fürchten müssen, da sie Christen sind.

Ihre restliche Familie lebt noch im Iran. Kontakt können sie nur selten und eher oberflächlich halten, da die Telefone ihrer Eltern abgehört werden. Hodas Vorbild ist ihr Vater, der, obwohl er Moslem ist, ebenfalls große Probleme mit der Politik im Iran hat. Dass sie selbst, durch ihren Mann, Christin geworden ist akzeptieren ihre Eltern vollkommen.

Ihren Mut schöpft sie vor allem daraus, dass es hier für ihre Familie sicher ist. Im Iran stand die Polizei ein halbes Jahr jeden Morgen vor ihrer Tür und ihre Kinder hatten Angst. Wenn sie heute hier in Deutschland einem Polizisten begegnen ist diese Angst immer noch da. „Meine Kinder haben Angst, bis jetzt wenn sie Polizei sehen. […] Aber hier ist die Polizei ganz nett. […] Und dann sagen sie: Aber warum ist die Polizei in meinem Land böse und immer am Schlagen?“, erzählt Hoda über eine solche Begegnung.

In Momenten der Verzweiflung und Traurigkeit denkt sie ebenfalls an ihre Kinder. In diesem Augenblick denkt sie daran, dass wenn sie weint auch ihre Kinder anfangen zu weinen und stattdessen hat sie zu ihnen gesagt: „Nein, wir können! Wir können gehen nach Deutschland!“ Große Angst hat sie heute vor allem davor, dass jemand sagen könnte, sie müsse das Land wieder verlassen und zurück in ihre Heimat gehen. Sie blickt immer positiv in die Zukunft und sagt sich: „Ich kann machen und ich lerne. Ich lerne jeden Tag. […] Ich kann alles machen!“ Sie wünscht sich hier in Deutschland ein besseres Leben für ihre Kinder, die momentan in den Kindergarten und in die Grundschule gehen. Sie selbst arbeitet bei einer Hebamme und möchte später noch eine Ausbildung machen.

Hodas Einstellung zeigt sich auch in einer Situation, die sie in ihrer ersten Woche in Deutschland erlebt hatte. Sie hatte dort eine Unterhaltung mit einem Deutschen, der Englisch mit ihr sprechen wollte, da sie noch kein Deutsch konnte. Aber anstatt sich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, hat sie zu ihm gesagt: „Nein bitte, auf Deutsch.“ Sie hat es versucht und sich jedes neue Wort so lange selber gesagt bis sie es konnte und es verstanden hat. Hoda spricht mittlerweile also nicht nur Arabisch, Persisch und Englisch, sondern auch sehr gut Deutsch.

Komisch an Deutschland findet sie, dass die Deutschen Angst haben. In ihrer Heimat standen die Haustüren zum Beispiel immer offen, während sie hier abgeschlossen werden. Eine Sache, die sie den Deutschen gerne sagen würde ist außerdem, dass sie keine Angst vor Ausländern haben müssen, denn es sind auch nur Menschen. Hier in Deutschland liebt es Hoda außerdem zu singen. Sie und ihre Kinder treffen sich jeden Dienstag mit circa 30 Leuten, die vorwiegend aus Deutschland kommen, um Lieder auf Persisch, Deutsch, Arabisch und Englisch zu singen.

Wenn Hoda von ihren Kindern und ihren Träumen erzählt, kann man die Begeisterung und Power in ihren Augen sehen. Das ist richtig ansteckend. Ich hätte mich noch ewig mit ihr unterhalten wollen und habe ihre ganze Art total gefeiert. Eins habe ich mir besonders gemerkt: „Ich kann! Ich kann machen alles!“

 

Agnes

Agnes ist 80 Jahre alt und gebürtige Steinheimerin. Nach ihrer Schulzeit begann sie 1952 eine Lehre in der familieneigenen Metzgerei. Zwischendurch war sie, zusammen mit einer Freundin, für ein Jahr in der Schweiz. Als sie zurückkam lernte sie ihren Mann bei einem Tanz kennen. Ihr Mann kam ursprünglich aus Schlesien und war Flüchtling. Zusammen mit ihrem Mann hat Agnes 6 Kinder und mittlerweile einige, heute schon erwachsene, Enkelkinder.
Agnes Familie war zwar offen, dennoch nicht hundert Prozent überzeugt als sie ihren Mann heiratete. Ihr Vater war als Viehhändler in ganz Deutschland unterwegs, ihre Brüder waren im Krieg und die Familie kannte keine Vorurteile gegenüber anderen Menschen.
In ihrer Kindheit hatte Agnes einigen Kontakt zu Flüchtlingen aus Schlesien und Pommern, da diese zunächst in der örtlichen Volksschule untergebracht waren. Agnes Mann hat nach dieser Zeit auf Schloss Thienhausen gewohnt und sich ein Zimmer mit vier anderen Personen geteilt. Da lief man da als Kinder so hin, da hatten wir dann den ersten Kontakt, die wohnten ja dann erstmal in der Schule, bis sie dann verteilt wurden.“, sagt sie zu der damaligen Situation. Während die Kinder keine Probleme hatten und mit den Flüchtlingskindern gespielt haben, waren die Erwachsenen oft eher skeptisch. Agnes selber kam jedoch aus einer sehr offenen Familie, in der „nicht drüber hergezogen oder geschimpft“ wurde. An Unterschiede, wie das Essen, wurde sich angepasst. So stellte die Metzgerei ihres Vaters zum Beispiel andere Wurstsorten her, die bis heute geblieben sind.

Als Agnes für ein Jahr in der Schweiz war hat sie selbst gesehen, was es für Vorurteile geben kann. Sie war dort fremd und wurde auch oft so behandelt. „Die Schweizer und die Deutschen, das war ja schon nicht immer so gut.“, erinnert sie sich lachend an die Zeit.
Agnes sieht sich selber als starke Frau, da sie einige Schicksalsschläge hatte und sich oft durchs Leben kämpfen musste. Im Jahr 1972 wurde bei ihrem Mann ein bereits angeborener Herzfehler festgestellt, der ihn in eine zweijährige Krankheit führte. In dieser Zeit musste die Familie sehr sparsam sein, da Agnes selbst durch ihre Kinder nicht berufstätig war. Im gleichen Jahr stürzte ihr erst zwei Jahre alter Sohn aus dem ersten Stock und wurde von den Ärzten als blind diagnostiziert. Später stellte sich jedoch eine Restsehstärke heraus, woraufhin er auf eine Blindenschule und später auf ein Gymnasium in Soest ging. Im Jahr 1981 starb ihr Mann schließlich an einer Blutvergiftung, zu dieser Zeit war sie selbst 43, ihr ältestes Kind gerade 19, ihr jüngster Sohn erst 11. Agnes merkte schnell: „Als Frau muss man kämpfen.“
Da zur damaligen Zeit gerade die ersten Computer in die Haushalte kamen, wurden auch die Fördermöglichkeiten größer. Agnes bekam den Bescheid, dass ein Computer für ihren Sohn 16.000 DM kosten sollte. Zusammen mit dem Elternverein, in dem sie aktiv war, konnte sie erreichen, dass das Geld vom Sozialamt übernommen wurde. „Irgendwo kam immer Hilfe her“, sagt sie. Agnes hat sich in ihrem Leben viel ehrenamtlich engagiert und ist noch heute bei der Caritas tätig. Sie freut sich immer wieder dort neue Leute kennenzulernen.

Im Jahr 1984 begann sie als Hauswirtschaftlerin bei einem älteren Mann zu arbeiten. Ihre Kinder haben ihr in dieser Zeit im Haushalt geholfen und sie so unterstützt. Nach dem Tod des Mannes begann sie als Auslieferungsfahrerin im Familienbetrieb zu arbeiten. Sie fährt gerne Auto und konnte hierdurch 150km weit herumreisen. Ein Freund ihres Mannes bot ihr später einen Job in seiner Autofirma an. Hier musste sie sich zunächst gegen die Männer behaupten und das Vertrauen gewinnen. Sie war unter anderem für die Autozulassung und den Zoll zuständig, lieferte jedoch auch Autos aus oder holte diese ab. Mit 60 Jahren hat Agnes sich dazu entschlossen in Rente zu gehen. Das Haus, welches sie mit ihrem Mann gebaut hat, hat ihre Tochter übernommen und Agnes wohnt nun in einer Wohnung genau gegenüber.
Besonders glücklich macht sie ihre Familie, denn die hält immer zusammen. „Frieden fängt in der Familie an“, findet Agnes. Das Wort „Stolz“ findet sie jedoch unpassend, sie steht nicht gerne im Vordergrund und beschreibt lieber was sie glücklich macht. In der Vergangenheit hat alles irgendwie funktioniert. Agnes hat ein unglaubliches Urvertrauen in die Welt, in die Menschen und Zeiten, das sie mutig macht und immer hoffen lässt. Das hilft ihr, die Dinge stets selbst in die Hand zu nehmen und niemals aufzugeben.
In allen schwierigen Situationen war ihre Devise eine Nacht darüber zu schlafen, und das rät sie auch jungen Leuten. „Man muss alles auf sich zukommen lassen, das entwickelt sich“, rät sie. Außerdem muss man Humor haben, flexibel sein und sich selber nicht zu ernst nehmen. Das ist wichtig, denn man kann nie wissen was genau die Zukunft bringt. Man könne nicht alles durchplanen.
Für ihre eigene Zukunft wünscht Agnes sich vor allem gesund zu bleiben und auch sie lässt alles auf sich zukommen & „es wird geguckt was wird“.

(Text: Anna Stelzer)